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Arbeitsgruppe Arbeit-Gender-Technik
Technische Universität Hamburg-Harburg


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"Familiale Lebensführung `entgrenzt` Erwerbstätiger und ihrer Kinder im Postfordismus".
Eine Studie über abhängig und freie Beschäftigte in entgrenzten Arbeitsverhältnissen und über ihre Kinder in der Großstadt

Dipl. Sozialökonomin Doris Cornils

1. Gesellschaftspolitische Relevanz

Die gesellschaftspolitisch relevante Frage, wie sich Erwerbs-, Familien- und restliches Leben miteinander vereinbaren lassen, stellt sich derzeit vor dem Hintergrund globaler Umbruchsprozesse auch in Deutschland neu. Die aus der Krise des Fordismus resultierenden sozio-ökonomischen Veränderungen implizieren den Wandel des Wohlfahrtsstaates, die Umgestaltung der Arbeitsformen, veränderte Interessensvertretung der Arbeitnehmer, die Umformungen der Familienmodelle sowie die diesen Wandlungsprozessen impliziten Umbrüche in den Geschlechterverhältnissen. Die im Fordismus noch eindeutige Grenzziehung zwischen Erwerbsarbeit und (restlichem) Leben löst sich zunehmend auf und führt zur relationalen Neubestimmung beider Bereiche. Die prozessuale Herausbildung zeitlich und räumlich flexibilisierter Beschäftigungsformen ermöglicht einen erweiterten Zugriff auf die Subjektivität der Beschäftigten und ihre lebensweltlichen Ressourcen. Gleichzeitig bilden sich mit der Erosion der Kleinfamilie neue familiale Lebensformen heraus, die sich vor allem in urbanen Zentren als neue Lebensformen etablieren.

Eingebunden in diese Umbruchsprozesse gestalten erwerbstätige Mütter und Väter mit ihren Kindern, und auch die Kinder selber, ihren Alltag. Doch nicht alleinig die Arbeits- und Lebensweisen berufstätiger Mütter und Väter, sondern auch die Alltagspraxen der Kinder sind im Wandel begriffen. Die neuen Beweglichkeiten im Verhältnis von Erwerbsarbeit und (restlichem) Leben haben, so die Vorannahme des Dissertationsvorhabens, weitreichende Auswirkungen auf den Zusammenhang von Erwerbs-, Familien- und restlichem Leben und damit auf die Lebensführung von Familien. Zu den Branchen, die prototypische Merkmale von entgrenzter Arbeit aufweisen, zählen die "Neuen Medien" sowie die Werbe- und Kulturindustrie. Im Bereich der "alten Medien" (Printmedien/TV-Produktion) existieren seit langem Beschäftigungsformen, welche aus heutiger Sicht flexibilisierte und prekarisierte Arbeitsverhältnisse in projektförmigen Strukturen vorwegnehmen. Insofern kann eine Kombination dieser Beschäftigungsbereiche mit der Betrachtung der "neuen" Medien- und Kultursegmente (Internet/Multimedia), in denen die Beschäftigten mit der Subjektivierung von Arbeit konfrontiert sind, möglicherweise Aufschluss über zukünftige Arbeits- und Lebensformen geben. Das Dissertationsvorhaben beabsichtigt Entgrenzungsphänomene und ihre Auswirkungen auf die alltägliche Lebensführung von Familien zu untersuchen. Hierzu wurden arbeitsvertraglich abgesicherte und "freie" bzw. projektbezogene Beschäftigte mit Kindern aus oben benannten Branchen (in Hamburg und Berlin) in die Untersuchung einbezogen. Ziel ist die empirisch geleitete Konkretisierung der alltäglichen Handlungen von "entgrenzt" Beschäftigten und ihren Kindern sowie die Analyse subjektiver Deutungsmuster. Dieses Vorgehen dient u. a. der Verdeutlichung möglicher Divergenzen zwischen subjektiven Deutungsmustern und Handlungen im Alltagsgeschehen.

2. Fragestellungen

- Auf welchen alltäglichen Handlungen sowie subjektiven Sinndeutungen beruhen die familialen Lebensführungen der im Bereich der "Neuen Medien" und der Werbe- und Medienindustrie beschäftigten Männern und Frauen mit Kindern?
- Wie beschreiben die Kinder der entgrenzt beschäftigten Mütter und Väter ihren Alltag, welchen alltäglichen Handlungen gehen sie nach und welche Problem- und Bedürfnislagen werden von ihnen in diesem Zusammenhang geschildert?
- Wie sind die erwerbstätigen Mütter und Väter und ihre Kinder im Geflecht aus Ökonomie, Wohlfahrtsstaat, staatlichen Politiken, Arbeitsformen, intermediären Instanzen (Vereine, Verbände, Gewerkschaften usw.), familialem Wandel, Betreuungs- und Bildungsinstitutionen und Geschlechterverhältnissen im "Postfordismus" mit ihren alltäglichen Lebensweisen eingebunden und auf welche Weise gestalten sie diese Zusammenhänge selbsttätig mit?

3. Methodischer Ansatz, Konzepte und theoretische Einbettung

Als methodisches Vorgehen wurde die methodologische Triangulation "between-method" gewählt und folgende Methoden der qualitativen Sozialforschung miteinander verknüpft: Verfahren zur Analyse von Alltagshandlungen (VAA),problemzentrierte Interviews mit Erwachsenen, lebensweltliche Interviews mit Kindern und Jugendlichen und die teilnehmende Beobachtung. Der Einsatz des VAA als Selbstdokumentationsmethode zielt auf die Erfassung individueller Handlungen ab. Mit den Interviews soll deutlich gemacht werden, welche subjektiven Sinndeutungsmuster den Alltagshandlungen zu Grunde liegen. Ziel des Vorgehens ist die Erforschung der alltäglichen Lebensführung "entgrenzter" Familien. Als theoretische und analytische Konzepte dienen u. a.: Alltägliche, familiale und kindliche Lebensführung, Berichterstattung zur sozio-ökonomischen Entwicklung in Deutschland, Konzepte der Entgrenzung von Arbeit und Leben, des Arbeitskraftunternehmers und der Subjektivierung von Arbeit. Neben den bereits erwähnten theoretischen Rahmenkonzepten wird Forschungsliteratur aus den Bereichen der Gesellschafts- und Sozialstaatstheorien, Industrie- und Arbeitssoziologie, Familien- und Kindheitsforschung, Zeitsoziologie und Geschlechter- bzw. Genderforschung im Dissertationsvorhaben berücksichtigt.