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Technische Universität Hamburg-Harburg


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Netzbewegung
Zur Bedeutung von Subjektpositionen für den politischen Diskurs (Arbeitstitel)

Kathrin Ganz, M.A.

Zurzeit verdichtet sich in Deutschland ein politischer Diskurs, bei dem es um die Zukunft der Gesellschaft im digitalen Zeitalter und die Auswirkungen von Digitalisierung und Vernetzung auf das Leben von Individuen, Kommunikation, Arbeitsformen, Kultur, Ökonomie und Politik geht. Menschen, die im Internet arbeiten und kommunizieren und für die das Internet ein "Lebensraum" ist, mischen sich verstärkt in diese Auseinandersetzungen ein und formen eine neue soziale Bewegung. Diese "Netzbewegung" setzt sich gegen staatliche und private Eingriffe in die Privatsphäre, gegen den Abbau bürgerlicher Freiheitsrechte und für einen progressiven Umgang mit den Herausforderungen und Chancen, die das Internet für die Gesellschaft mit sich bringt, ein.

Der politische Diskurs und die AktivistInnen der Netzbewegung sind das Thema meines Dissertationsprojektes. Es ist meine These, dass AktivistInnen aus ihren Alltagspraxen und vielfältigen und vermachteten Subjektpositionen heraus in der Netzbewegung ein alternatives hegemoniales Projekt artikulieren. Mit queer-feministischen und intersektionalen Ansätzen gehe ich davon aus, dass Individuen ihre Subjektpositionen in sozialen Praxen und in Auseinandersetzung mit und Abgrenzung zu anderen Identitäten, normativen symbolischen Repräsentationen und sozialen Strukturen konstruieren. Diese Konstruktionsleistungen finden innerhalb von Macht- und Herrschaftsverhältnissen statt und sind mit Prozessen der Marginalisierung und Privilegisierung verbunden. Das Dissertationsprojekt beschäftigt sich mit dem Spannungsverhältnis zwischen der Heterogenität der Subjekte innerhalb der Netzbewegung und der gemeinsamen Konstruktion eines hegemonialen Projektes.

Ziel meiner Untersuchung ist es zum einen die Struktur des politischen Diskurs der Netzbewegung ausgehend von seinen zentralen Forderungen zu rekonstruieren. Zum anderen werde ich qualitative Interviews führen, anhand derer ich untersuche, vor dem Hintergrund welcher sozialer Praxen Menschen in der Bewegung aktiv werden und welche Rolle ihre jeweiligen Subjektpositionen dabei spielen. Das Dissertationsprojekt fragt danach, welche Forderungen die Subjekte aus ihren sozialen Praxen heraus stellen und welche dieser Forderungen im Diskurs der Netzbewegung repräsentiert werden. Mein Forschungsinteresse gilt der Frage, ob es bei der Artikulation dieses alternativen hegemonialen Projektes zu Ausschlüssen kommt und ob dadurch gesellschaftliche Machtverhältnisse entlang von Kategorien wie Geschlecht, Klasse, "Rasse" oder Körper reproduziert werden.

Um den politischen Diskurs der Netzbewegung erfassen zu können, bilden die hegemonie- und diskurstheoretischen Arbeiten zur konflikthaften Diskursivität des Politischen von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe (2001; Laclau 1990; 1996; 2002) einen der beiden theoretischen Ausgangspunkte meiner Arbeit. Aus dieser Perspektive steht es außer Frage, dass Diskurse letztlich durch die artikulatorischen und performativen Praxen von Subjekten hervorgebracht und reproduziert werden. Subjekte treffen Entscheidungen unter dem Vorzeichen der Kontingenz und vor dem Hintergrund bestehender Machtverhältnisse. Um die Vielfalt von Subjektkonstruktionen und sozialen Praxen in den Blick nehmen zu können, verbinde ich die diskursanalytische Perspektive im Sinne einer theoretischen und methodologischen Triangulation mit dem praxeologischen Intersektionalitätsansatz von Gabriele Winker und Nina Degele (2009). Intersektionales Denken versucht, die Verwobenheit und das Zusammenwirken von verschiedenen Differenzkategorien und Dimensionen sozialer Ungleichheit zu theoretisieren und analysieren. Es wird davon ausgegangen, dass soziale Ungleichheit über verschiedene ungleichheitsgenerierende Dimensionen wie Geschlecht, "Rasse", Klasse und Körper hergestellt wird. Im Rahmen der Dissertation möchte ich ausloten, inwiefern sich Diskurstheorie und der praxeologische Intersektionalitätsansatz befruchten können, um das Zusammenspiel von individuellen und Kollektivsubjekten in politischen Diskursen unter Berücksichtigung unterschiedlicher sozialer Positionierungen und gesellschaftlicher Machtverhältnisse untersuchen zu können.

Vor diesem Hintergrund liegt dem Dissertationsprojekt ein mehrstufiges Forschungsdesign zu Grunde. Zunächst werde ich mich im Rahmen einer Vorstudie mit der Netzbewegung, ihrer Kultur, Geschichte, Organisationen und Inhalten auseinandersetzen. Der politische Diskurs der Netzbewegung soll anschließend auf Basis eines begrenzten Textkorpus analysiert werden, der sich vor allem aus Onlinequellen zusammensetzen wird. Mit Hilfe der von Nonhoff (2006, 2007, 2008) als "Handwerkszeug" der Hegemonieanalyse entwickelten Begriffe werde ich die zentralen Forderungen der Bewegung, hegemoniale Strategeme sowie Konstruktionen von antagonistischen Relationen herausarbeiten. Im Anschluss daran werden ca. 12 bis 15 leitfadengestütze, teilnarrative Interviews mit AktivistInnen geführt. Ich interessiere mich für die sozialen Praxen der AktivistInnen, ihre persönlichen Beweggründe für das Engagement in der Bewegung und ihre politischen Forderungen. Die Interviews werden mit der intersektionalen Mehrebenenanalyse (Winker/Degele 2009) ausgewertet. Dieses aus acht Schritten bestehenden Verfahren zeichnet sich dadurch aus, dass zunächst die drei Ebenen der Identitätskonstruktionen, der symbolischen Repräsentationen und der sozialen Strukturen, auf die AktivstInnen in ihren Erzählungen verweisen, analytisch getrennt betrachtet werden. Dabei ist die Zahl der Kategorien auf Ebene der Identitätskonstruktionen und Repräsentationen nicht im Voraus beschränkt. Anschließend werden die Wechselwirkungen von Kategorien sozialer Ungleichheit auf den drei Ebenen herausarbeiten. Im Rahmen meiner Analyse versuche ich eine Typenbildung von Subjektpositionen der AktivistInnen. Diese werde ich abschließend mit den Ergebnissen der Diskursanalyse vergleichen um zu erarbeiten, wessen Forderungen im hegemonialen Projekt der Netzbewegung repräsentiert werden und ob innerhalb des Netzbewegungsdiskurses Marginalisierungen zu beobachten sind.