Forschungsschwerpunkt "Sozialkompetenz und Ethik"
Bei der Erweiterung der Ingenieurausbildung bedarf es neben historischen Kenntnissen eines Orientierungswissens, das soziale Kompetenzen wie Kommunikationsfähigkeit, Reflexionsvermögen, Verantwortungsgefühl und moralische Urteilskraft umfaßt.
Um die ethisch-philosophischen Aspekte für das Humanities Curriculum sowie die hochschuldidaktischen Voraussetzungen ihrer Vermittlung zu untersuchen, wurde im November 2001 Dr. Eike Bohlken für ein Jahr als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt. Soziale Fähigkeiten bilden den Boden, auf dem sich wirtschaftliche Transaktionen ebenso vollziehen wie private Beziehungen. Ihr Vorhandensein oder Nichtvorhandensein entscheidet in beiden Sphären über Erfolg und Mißerfolg. So werden soziale Kompetenzen wie „Teamfähigkeit“, „Kontaktfreudigkeit“ oder „Geschick im Umgang mit Menschen“ mittlerweile in Stellenanzeigen aller Wirtschaftsbereiche abgefragt. Gegenüber den „harten“, weil besser meßbaren Kompetenzen des Sach- und Methodenwissens gelten soziale Fähigkeiten als „soft skills“. Ihnen kommt jedoch eine nicht minder wichtige Bedeutung zu als den inhaltlichen Fachkenntnissen in einem bestimmten Bereich: Das beste Fach- und Methodenwissen erleidet bei seiner Anwendung beträchtliche Reibungsverluste, wenn sein Träger nicht in der Lage ist, es zu kommunizieren und gemeinsam mit anderen umzusetzen. Soziale Fähigkeiten spielen eine große Rolle für die Durchsetzung von Innovationen sowie für die Beziehungen zwischen verschiedenen Unternehmensteilen und Führungsebenen. Über ihren Einfluss auf Personalführung und Personalentwicklung sind sie entscheidend für den Aufbau einer Motivations- und Identitätsstruktur im Unternehmen, die sich dadurch leistungssteigernd auswirkt, dass sie eine zusätzliche Anreizstruktur etabliert, die differenzierter funktioniert, als die Codes finanzieller Gratifikationen und rechtlicher Sanktionen.
Die Charakterisierung sozialer Fähigkeiten als „soft“ skills ist darauf zurückzuführen, daß sich soziale Kompetenz nur schwer messen und beurteilen läßt. Die unter dem Begriff soziale Kompetenz zusammengefassten sozialen Fähigkeiten lassen sich zwar gut in Stellenprofile integrieren, können aber nur schwer inhaltlich bestimmt und quantifiziert werden. Es handelt sich um Leistungsmerkmale, die zwar in immer stärkerem Maße als notwendig für eine effiziente und erfolgreiche (Zusammen)Arbeit betrachtet werden, aber wie z.B. die Fähigkeit zur Kommunikation oder zur Lösung von Konflikten weder vertraglich festlegbar noch gerichtlich einklagbar sind. Schließlich spielt auch die verbreitete Einteilung der Wissenschaften in „harte“ und „weiche“ Disziplinen eine Rolle. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass die Unterteilung in „hard“ und „soft“ skills nicht mit der vorurteilsbeladenen Gegenüberstellung von „harten“ (bzw. „exakten“) Natur- und „weichen“ Geisteswissenschaften zusammenfällt. Auch innerhalb der Geisteswissenschaften lässt sich zwischen „harten“, d.h. eindeutig erlern- und überprüfbaren Kenntnissen und Methoden und „weichen“, d.h. sensibilisierungs- und verbesserungsfähigen Kompetenzen unterscheiden. Auch dort gibt es ein katalogisierbares und abfragbares Wissen, das sich in der entsprechenden Literatur niederschlägt. Eine Entscheidung über die erfolgreiche Aneignung sozialer und ethischer Kompetenz lässt sich allerdings nicht allein an diesem Wissen festmachen, da die unter dem Begriff Sozialkompetenz versammelte Fähigkeiten wie Kommunikations- Kooperations- und Konfliktlösungsfähigkeit in enger Beziehung zu den Verhaltensweisen und dem Charakter einer Person stehen. Sowohl Verhaltensmuster als auch Persönlichkeitsmerkmale lassen sich nur schwer vermitteln und in Prüfungssituationen abfragen. Als Basisqualifikation sozialer Kompetenz kann die Kommunikationsfähigkeit gelten. Sie bestimmt den Umgang mit anderen Menschen, den Aufbau und die Pflege von Kontakten und macht damit Interaktion erst möglich. Sie umfasst nicht nur die Fähigkeit, etwas mitzuteilen, sondern auch das Vermögen zuzuhören. Neben der sprachlichen Verständigung bezieht sie alle Facetten nonverbaler Kommunikation mit ein (Mimik, Gestik, Körpersprache). In einem engeren Sinne sind auch eine Reihe von Fähigkeiten hinzuzurechnen, die nicht der Anbahnung und Aufrechterhaltung von Kontakten, sondern der Intensivierung und Optimierung der Kommunikation dienen – wie z.B. Präsentationstechniken oder rhetorische Fähigkeiten. Als nächsthöhere Stufe in der Pyramide sozialer Fähigkeiten lässt sich die Koordinations- und Kooperationsfähigkeit betrachten. Darunter ist die bewusste und planvolle Abstimmung zweier oder mehrerer Personen auf ein gemeinsames Ziel zu verstehen sowie die Selbstorganisation der Arbeitsteilung in Gruppen. Die Koordinations- und Kooperationsfähigkeit baut insofern auf der Kommunikationsfähigkeit auf, als sie eine Reihe von Einigungsprozessen beinhaltet, in denen bestimmt wird, wann und wie das Handeln der Kooperationspartner ineinandergreift. Ohne kommunikative Fähigkeiten sind diese Abstimmungs- und Einigungsprozesse weder einzuleiten noch erfolgreich durchzuführen. Die Spitze der Pyramide sozialer Fähigkeiten bildet die Teamfähigkeit. Dabei handelt es sich um eine organisatorische Fähigkeit, die darauf abzielt, die Zusammenarbeit einer Gruppe zu optimieren und die Effizienz zu steigern. Das wesentlich über die Fähigkeit zur Kooperation hinausweisende Moment liegt dabei in dem Bewusstsein der Gemeinsamkeit im Hinblick auf ein nur zusammen erreichbares Ziel, das über geschickte Organisation hinaus auch das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse beinhaltet, wenn dies im Interesse der gemeinsamen Aufgabe liegt. So ist Teamfähigkeit in stärkerem Maße eine Frage der Einstellung, Kooperation und Koordination und nicht eine technische oder logistische Kompetenz.
Eine Sonderstellung kann schließlich der Konfliktfähigkeit eingeräumt werden. Sie ist in ansteigendem Maße auf allen Stufen gefordert. Konflikte können aus den unterschiedlichsten Ursachen entstehen, aufgrund divergierender Interessen, Erwartungen, Wert- und Zielvorstellungen, aber auch aufgrund von Kränkungen oder persönlicher Abneigung. Die Fähigkeit, mit Konflikten umzugehen, beinhaltet eine ganze Reihe von Komponenten. Ihre Lösung setzt sowohl Kommunikationsfähigkeit als auch die Fähigkeit zum Perspektivwechsel voraus. Mit dem frühzeitigen Erkennen potentieller Konfliktherde umfasst sie nicht nur analytische, sondern auch empathische Fähigkeiten. Konfliktfähigkeit erfordert aber auch das Ansprechen von Problemen und damit auch die Akzeptanz und das Austragen von Konflikten. Hierzu bedarf es auf der einen Seite der Fähigkeit, Grenzen setzen zu können, d.h. die eigene Position und den eigenen Verhandlungsspielraum deutlich zu machen. Auf der anderen Seite beinhaltet Konfliktfähigkeit Kompromissbereitschaft, d.h. die Fähigkeit, eigene Interessen zurückzustellen. Schließlich umfasst sie Selbstreflexion und Beurteilungskompetenz, wenn es darum geht, in Streitfragen zwischen der sachlichen und der persönlichen Ebene unterscheiden zu können und Lösungen auf den jeweils angesprochenen Ebenen zu suchen. Das Ziel einer Konfliktlösung liegt oft weniger in der Klärung inhaltlicher Fragen als in der Lösung von Blockaden und verhärteten Frontstellungen.

