Kollegiaten
Nadine Rottau
Thema: Materialgerechtigkeit. Materialästhetische Konzepte in den nützlichen Künsten Englands und Deutschlands 1834-1914
Kunstgeschichte | Prof. Margarete Jarchow (Zweitprüferin)
Obwohl der Begriff "Materialgerechtigkeit" seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts allgemein geläufig ist, wurde bislang keine umfassende Analyse vorgelegt, die sich mit der Genese dieser ästhetischen Kategorie befasst. Dabei spielte die Forderung nach einer materialgerechten Form eine bedeutende Rolle für die Aufwertung des künstlerischen Materials und die Neubestimmung der angewandten Künste in der Moderne. Schon der erste Ordinarius für Kunstgeschichte der Tübinger Universität Konrad Lange stellte kurz nach 1900 fest:
"Unter den Schlagworten, die der Kampf um das moderne Kunstgewerbe gezeitigt hat, ist wohl keines, das in den letzten Jahren öfter vernommen worden wäre, als das von der Entstehung der dekorativen Kunstformen aus dem Gebrauchszweck und dem Material. […] Wenn man heutzutage einen Architekten fragt, worauf denn die architektonische Schönheit beruhe, so wird er […] antworten: Auf der Zweckmäßigkeit, der Materialgerechtigkeit, der Sachlichkeit und Ehrlichkeit."
Insbesondere die Industrialisierung und ihre Begleiterscheinungen rückte die Materialität der Form und die Verfahren der Herstellung im 19. Jahrhundert in den Mittelpunkt ästhetischer Debatten, an denen sich zahlreiche führende Kunsttheoretiker wie John Ruskin, Gottfried Semper oder Herman Muthesius beteiligten. Die mit dem technischen Fortschritt einhergehende Entwicklung neuartiger Werkstoffe wie Gusseisen, Zelluloid oder Beton drohte tradierte Stoffe wie Bronze, Holz oder Naturstein zu verdrängen.
Vor allem die nahezu beliebig formbaren Kunststoffe galten als Materialien ohne spezifische Eigenschaften und führten dazu, dass kunstgewerbliche Reformer eine materialgerechte Verarbeitung einforderten: Gegenläufig zur industriellen Massenproduktion sollte durch handwerkliche Schulung, Vermeidung von Arbeitsteilung und materialästhetische Geschmackserziehung ein adäquater Umgang mit alten und neuen Materialien bei gleichzeitiger Qualitätssteigerung der Gebrauchskunstproduktion erreicht werden. Die zentrale These der Arbeit ist, dass der Topos "Materialgerechtigkeit" aus dieser Diskussion um eine Verbesserung der negativ bewerteten, industriellen "Surrogatkunst-Produktion" heraus entwickelt und als normative ästhetische Kategorie für den jeweiligen kunstgewerblichen Kontext angepasst wurde.
Die Dissertation hat hierfür Schriftquellen aus der Zeit zwischen 1834 und 1914 hinsichtlich der Prägung des Begriffs ausgewertet und dabei auch eine Analyse kunstgewerblicher und architektonischer Objekte, die mit alten wie neuen Stoffen hergestellt wurden, miteinbezogen. Abschließend wird die Entstehungsgeschichte des Prinzips mit Bezug auf den aktuellen Gebrauch des Begriffs abgeglichen, denn auch heute noch wird eine materialgerechte Gestaltung beispielsweise im Bereich der Architektur und der Technikwissenschaften diskutiert.
Forschungsschwerpunkte
- Kunst-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts, insbesondere im kunstgewerblichen Bereich
- Materialien in der Kunst (Materialikonographie)
Lebenslauf
| 2005-2008 | Promotionsstipendiatin am Graduiertenkolleg „Kunst und Technik“ an der Technischen Universität Hamburg-Harburg im Arbeitsbereich Humanities |
| 04/2004 03/2005 | Promotionsstipendiatin der Universität Hamburg |
| 2003 | Start des Promotionsprojekts „Konzepte der Materialgerechtigkeit in Kunstgewerbe und Architektur in Deutschland und England im 19. Jahrhundert“. Reisestipendium der Rudolf und Erika Koch-Stiftung |
| 2001-2002 | Magisterarbeit am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Hamburg. Thema: „James McNeill Whistler. Das Bild im Raum“ |
| 1999-2001 | Studium der Kunstgeschichte und Geschichte an der Universität Hamburg |
| 1999 | Auslandssemester an der Universität Wien, Österreich |
| 1996-1999 | Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Anglistik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster |
| 1995 | Abitur am Gymnasium Antonianum in Geseke |
| 1975 | geboren in Geseke |
Publikationen
| 2009 | "'Everyone to his taste' or 'Truth to Material'?: The role of materials in collections of applied arts", in: John Potvin und Alla Myzelev (Hg.): Material Cultures 1700-1920. The Meanings and Pleasures of Collecting, Aldershot. "Kan(n)di(e)sdingsda", in: Petra Lange-Berndt und Dietmar Rübel (Hg.):Sigmar Polke: Wir Kleinbürger - Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, /Köln. |
| 2008 | "Morphologische Kompositionen: Platz", in: Paolo Fusi (Hg.): Konzept - Modell - Material. Wechselwirkungen im Entwurfs- und Realisierungsprozess, HCU Hamburg. "Materialwahrheiten im Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts", in: Andreas Remmel (Hg.): /Wahrheit jenseits von Beweisbarkeit, Bernstein-Preisaufgaben/, Bd. I, Bonn. "Weltausstellung Wien 1873", in: John E. Findling (Hg.): /The Historical Dictionary of World Fairs and Expositions 1851-2008/, New York. |
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