|
Sozionik-Workshop der Tandempartner TUHH/Uni Saarbrücken und Fernuni Hagen/Uni Dortmund am 4. und 5. Dezember an der TU in Hamburg-Harburg mit eingeladenen GästenThema: Adaption und Lernen von und in Organisationen / Beiträge aus der SozionikDie Fähigkeit, sich möglichst schnell an stetig wandelnde Anforderungen und an sich offenbar immer dynamischer verändernde Umfeldbedingungen anzupassen, wird heute als eine grundlegende Voraussetzung dafür gesehen, dass Organisationen auf Dauer ihren Fortbestand sichern können. Meist werden Adaption und Lernen als zwei unterscheidbare Modi der Veränderung von Organisationen in Relation zu ihren äußeren und inneren Umwelten gesehen. Der Adaptionsbegriff wird dabei für bloße (eher defensiv angelegte) Veränderungsprozesse und Anpassungsleistungen benutzt, die kein tiefer greifendes Wissen und Verständnis darüber enthalten, wie und warum eine Änderung stattgefunden hat, wieso diese Veränderung überhaupt eine Verbesserung der Umweltbeziehungen im Sinne bestimmter Erfolgskriterien bedeutet und auf welche Weise vorgenommene Modifikationen gegebenenfalls wiederholt oder zurückgenommen werden können. Ein emphatischer Lernbegriff dagegen bindet Veränderungen grundsätzlich an einen (zumeist auch intentional) nachvollziehbaren Zugewinn an Wissen, Verständnis und Kompetenzen als Grundlage dafür, dass die verbesserten Aktionschancen zu einer entsprechenden geänderten Verhaltensweise führen. Adaption kann aus dieser Sicht auch ohne Lernprozesse erfolgen, während Lernen (vor allem im Sinne einer gezielten oder planmäßigen Modifikation) zu einer Verbesserung der Adaptabilität einer Organisation beitragen kann. Lernen bedingt immer eine Veränderung der Wissensstrukturen, während Adaption auch dann stattfinden kann (und von einem externen Beobachter zuschreibbar ist), wenn der Veränderungsprozess in seinen Bedingungen und Folgen nicht wissentlich durchschaut oder verstanden wird und keine Änderung von Wissensstrukturen nach sich zieht. Das Forschungsgebiet "Organizational Learning" hat in den letzten dreißig Jahren einen enormen Aufschwung in Wissenschaft und Praxis erfahren. Obwohl das Thema mittlerweile einen festen Platz in zahlreichen Disziplinen erobert hat, sind grundlegende Fragestellungen und Probleme, die mit der Anpassungs- und Lernfähigkeit von Organisationen verbunden sind, auch heute noch unklar oder umstritten: Auf welche Weise vollzieht sich Adaption und Lernen von und in Organisationen? Können Organisationen als soziale Gebilde überhaupt lernen oder ist Lernen eine Fähigkeit, die dank kognitiver Kompetenzen nur individuellen Akteuren vorbehalten ist? Und falls Organisationen als Gesamtheiten lernen und sich anpassen können: Worin liegen die Unterschiede gegenüber individuellen Lern- und Anpassungsprozessen? Welche Bedeutung hat das Lernen sozialer Kollektive in Organisationen sowohl für die Organisation als Gesamtheit wie für die einzelnen Mitglieder einer Organisation? Wie lässt sich überhaupt feststellen, ob und was auf den unterschiedlichen Ebenen sozialer Aggregation gelernt worden ist? Und inwieweit ist eine gelungene Anpassung und erfolgreiches Lernen eigentlich als solches abgrenzbar und sind solche Verbesserungen in der Leistungsfähigkeit einer Organisation auch objektiv messbar? Solche oder ähnliche forschungsleitende Problemstellungen haben sich im Bereich des Organisationslernens vor allem innerhalb der disziplinären Grenzen von Soziologie, Ökonomie Sozialpsychologie schon längst etabliert. Aus Sicht der Sozionik stellt sich nun aber die Frage, inwieweit die sozialen Strukturen und Prozesse, die mit der Anpassungs- und Lernfähigkeit von Organisationen in "realweltlichen" Zusammenhängen verbunden sind, sich auch auf die künstliche Sozialität von Multiagentensystemen übertragen lassen und welche Auswirkungen dies auf die weitere Entwicklung intelligenter Agententechnologien hat. In der Sozionik werden neben theoretischen Konzepten und empirischen Analysen zu Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Adaption und Lernen in realweltlichen und künstlichen Sozialsystemen vor allem auch von agentenbasierten Sozialsimulationen neue Erkenntnisse erwartet, die in beiden Disziplinen weiter verwertet werden können. In der soziologischen Erforschung von Adaption und Lernen im Kontext von Organisationen lässt sich die agentenbasierte Simulation als Werkzeug zur Überprüfung, Ausarbeitung und Präzisierung soziologischer Begriffe, Modelle und Theorien einsetzen. Da der Nutzen solcher Simulationen aber bislang in der Soziologie vielfach noch unterschätzt wird, muss sich zeigen, welche Vorteile die intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Informatik für die soziologische Organisationsforschung bringt und auf welche Weise die dabei erarbeiteten Ergebnisse an fachinterne Debatten anschließen können. Gleichermaßen stellt sich für die Informatik (und besonders die Verteilte Künstliche Intelligenz) die Frage, welche Innovationen aus einer Zusammenarbeit mit der Soziologie resultieren und inwieweit Sozialsimulationen zu Adaptions- und Lernprozessen von und in Organisationen sich für die Entwicklung intelligenter Agententechnologien als fruchtbar erweisen. Adaptabilität und (maschinelle) Lernfähigkeit, Flexibilität und Robustheit gegenüber dynamischen Veränderungen der Umweltbedingungen gelten in der Verteilten Künstlichen Intelligenz (VKI) grundsätzlich als wünschenswerte Eigenschaften von Multiagentensystemen (MAS). Im Hinblick auf die Genese von "Artificial Societies" in global vernetzten Informationssystemen wird es immer wichtiger, offene Systeme zur Informationsverarbeitung zu entwickeln, die mit Hilfe von Adaptabilität und Lernfähigkeit Irritationen aus der Umwelt produktiv und selbst organisierend verarbeiten können. Offen ist jedoch bisher, ob und wie weit die Informatik aus der Zusammenarbeit mit der Soziologie innovative Impulse und umsetzbare Anregungen gewinnen kann, um Adaption und Lernen von und in MAS auf eine nachprüfbare Weise zu verbessern. In der Informatik lässt sich Adaption und Lernfähigkeit - unter dem Aspekt der Verteiltheit maschineller Lernprozesse - auf folgende Fragestellungen beziehen: (1) Da Lernvorgänge auf systeminternen Bewertungen der Zweckmäßigkeit, Angemessenheit und Leistungsfähigkeit der von Systemkomponenten ausgeführten Aktionen beruhen, stellt sich die für verteilte Systeme grundlegende Frage, wie solche Bewertungsprozesse in MAS so koordiniert und organisiert werden können, dass Inkonsistenzen zwischen einzelnen lokalen Perspektiven (sowie zwischen der Lokalität und Globalität) ausgeglichen und integriert werden können oder als ein Beitrag für die produktive Erneuerung der Bewertungskriterien zu nutzen sind. (2) Da Adaptionschancen und Lernmöglichkeiten in wesentlichem Maße durch die systemin-ternen organisatorischen Strukturen bedingt sind, stellt sich die Frage, welchen Einfluss verschiedene organisatorische Strukturformen auf die Leistungs- und Lernfähigkeit des MAS haben. Lassen sich veränderte Leistungswerte und Lernprozesse von und in MAS auf verschiedene Variationen oder Mischformen einer zentralen oder dezentralen Erzeugung und Speicherung von Wissen sowie auf unterschiedliche Strukturen der sozialen Verteilung von Wissen und Kompetenzen unter den Agenten zurückführen? Die Tagung will die hier nur andiskutierten Zusammenhänge zwischen soziologischen Konzepten des organisationalen und kollektiven Lernens, Ansätzen zur agentenbasierten Sozial-simulation in der Organisationsforschung und informatischen Konzepten zu Adaptabilität und maschinellem Lernen von MAS vertiefen. Dem gemeinsamen Gegenstand - Adaption und Lernen von und in Organisationen - wollen wir uns aus zwei unterschiedlichen Rich-tungen annähern, so dass wir jeweils einen stärker durch soziologische Problemstellungen und einen stärker durch Perspektiven der Informatik geprägten Ausgangspunkt wählen, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Disziplinen sowie zwischen einzelnen Konzepten und Ansätzen auszuloten. ProgrammMittwoch 4.12.200213.00 - 13.30 Michael Florian und Frank Hillebrandt (beide TU Hamburg-Harburg): Begrüßung und Intention der Tagung 13.30 - 14.30 Lena Hilkermeier (Uni Bochum) und Tanja Kopp-Malek (Uni Bielefeld): Über das Lernen von und in Organisationen: Einblicke in Ansätze organisationalen Lernens 14.45 - 15.45 Franziska Klügl-Frohnmeyer (Uni Würzburg): Simulation von Evolution und Selbstorganisation in Multiagentensystemen 16.15 - 17.15 Michael Florian und Bettina Fley (beide TU Hamburg-Harburg): Habitus - Feld - Kapital Der Beitrag der Praxistheorie von Pierre Bourdieu zu Adaption und Lernen von und in Organisationen 17.30 - 18.30 Michael Schillo (DFKI Saarbrücken): Robuste Aufgabenverteilung in Multiagentensystemen durch soziale Rationalität und Orga-nisation ab 19.00 Gemeinsames Abendessen Donnerstag 5.12.20029.30 - 10.30 Ingo J. Timm (TU Ilmenau): "Selbstlernprozesse" in der Agentenkommunikation 10.45 - 11.45 Petra Ahrweiler (Uni Hamburg): Softwaregestütztes Kommunikationsmanagement in lernenden Unternehmen 12.00 - 13.00 Johannes Weyer (Uni Dortmund): Netzwerkanalytische Aspekte des Organisationslernens 13.00 - 14.00 Mittagessen 14.00 - 15.00 Daniela Hinck und Frank Hillebrandt (beide TU Hamburg-Harburg): Soziales Lernen und Simulation des Sozialen Konzeptionelle, Überlegungen aus der Sozionik |